Haus – Priscilla Hobeika

Ich bin in Beirut aufgewachsen. Da mein Vater aus dem Libanon stammt und meine Mutter gebürtige Schweizerin ist, kann ich mich als Doppelbürgerin bezeichnen. Noch bevor ich eingeschult wurde, zogen wir als ganze Familie in die Schweiz. Mein Leben wurde nun von anderen Werten, Religionen, Zielen und Kulturen geprägt. Unbewusst schritt mein Leben voran, wobei mein Charakter durch Erlebnisse und Mitmenschen geformt wurde.
Vor zwei Jahren verspürte ich das Bedürfnis, mein Heimatsland wieder zu erleben und zu erkunden. Ich war mir schon immer bewusst gewesen, dass ich Libanesin bin und ich hatte ebenso immer schon gedacht, dass ich die libanesische Kultur kenne, da sich mein Vater deutlich von typischen Schweizern unterscheidet. Doch nach zwei Wochen Ferien im Libanon wurde mir bewusst, dass ich dieses Land mit all seinen Facetten als Kleinkind völlig anders und zusammenhangslos wahrgenommen hatte. Als 16-Jährige nun sah ich Dinge, die mich schockierten, und war nun fähig, einzelne Bereiche dieses Landes im Zusammenhang zu sehen. Mir fiel beispielsweise auf, dass die Gastfreundschaft und das Komplimente machen Teil der Kultur sind und dass diese kulturellen Werte wichtiger sind als Ehrlichkeit. Im kindlichen Alter nahm ich nur die Herzlichkeit der Verwandten, das gute Essen und die grossen Spielwarenhäuser wahr. Dies sind auch die einzigen Erinnerungen, die mir geblieben waren. Doch der Besuch in dem mir fremd gewordenen Land zeigte mir Strassenkinder, Abfallberge im Meer, Betrug, Unehrlichkeit, unerträgliche Hitze, alte Strassen und vom Krieg gekennzeichnete Häuser. Ich bin erstaunt wie sich der Blick auf das gleiche Land durch eine Zeitspanne verändern kann.

Priscilla Hobeika