KULTUR = KAPITAL – Philippe Gyr

Das Kapital der gediegenen Gesellschaft

Der Künstler Alfredo Jaar hat fürs Festival „Neuer Norden Zürich“ auf dem Oerliker Marktplatz ein Kunstwerk aufgestellt. Auf einem Gebäude steht die Aussage: „Kultur = Kapital“. Das hölzerne Gerüst wirkt zwar rustikal, jedoch durchaus heimelig, weshalb es ins Stadtbild passt. Die Betrachter waren gut bedient, sich an der apokalyptischen Sensation zu ergötzen. Der Künstler hat bezüglich Interpretationsspielraum aus dem Vollen geschöpft. Ihm wird generell eine fulminante Kreativität attestiert.

Mit Kapital kann sowohl das Geistige, das Künstlerische wie auch das Finanzielle gemeint sein. Es wird unter anderem auf die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur angespielt. Exportgüter können beispielsweise durch die Reputation einer Nation und der damit verbundenen Kultur exorbitant überteuert verkauft werden. Es kann zudem auch auf die sozialen Aspekte eingegangen werden, da Kultur stets den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft stärkt. Es gilt zu beachten, dass gewisse Gruppen und Men­schen durch die Kultur vereint werden. Andererseits werden die Menschen durch die Existenz verschiedener Kulturen und der damit einher­gehenden Differenzen in Gruppen gespalten. Die Menschen versuchen sich in diesem Fall von anderen abzuspalten, ein Gemeinschaftsgefühl kann nicht entstehen. Da Kultur stets in enger Verbindung mit der Religion steht, kann davon ausgegangen werden, dass gewissen Menschen auch der Glaube als Kapital dient. Bezüglich Religion muss sowohl die ethische wie auch die ökonomische Perspektive angewandt werden. Die Finanzierung von Reli­gions­kriegen sollte kritisch betrachtet werden. Zudem gilt, was das finanzielle Kapital betrifft, immer die Anfälligkeit auf Betrug. Besonders auf dem Kunstmarkt wird die ökonomische Wichtigkeit der Kulturgüter den Menschen bewusst. Altehrwürdige Kunstobjekte werden vermehrt zur Geldwäsche genutzt, da dieser Markt schwer zu überwachen ist. Der Staat geht bei Kontrollen zwar pedantisch vor, blickt jedoch leider vermehrt in die Röhre. Trotz zahlreicher Interpretationsversuche bleibt die wahre Aussage des Kunstwerkes von Alfredo Jaar und dessen weitreichende Symbolik genauso wenig angetastet wie ein ungetoasteter Toast. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass Kultur sehr wohl einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen hat, es müssen jedoch auch die mit ihr in Verbindung stehenden Problematiken betrachtet werden.

Philippe Gyr